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23. Dezember: Mein Lieblingsort: Der Serverraum im Bauch der Bibliothek

Im Bauch der Bibliothek

Jedes Mal wenn ich im Serverraum tief unten im Bauch der Bibliothek zu tun habe, kommt mir folgende Passage aus der Science-Fiction Story "Die andere Seite des Spiegels" in den Sinn:

[...]

Der gläserne Expresslift hielt im achten Stockwerk an. Der Blick über den Atriuminnenhof der Hybrothek war fast perfekt aus diesem Blickwinkel.

     „He, eigentlich will ich ja in den dreizehnten.“

     Jake hatte als einziger Hybrothekar sein Büro in der dreizehnten und letzten Etage. Hybros sind abergläubische Wesen. Die Türen schoben sich auseinander, und Kris Sword stieg zu.

     „Hi Kris! Gehst du mit in die Kantine?“

     Kris winkte mit zwei Bananen. Der Unmut stand ihr auf die Stirn geschrieben.

     „Fünf Termine und noch zwei unvorhergesehene, aber dafür unaufschiebbare. Keine Mittagpause. Reicht nur für einen kurzen Vitamineinwurf.“

     Jake überlegte kurz, wie er die Laune seiner Kollegin heben könnte und drückte entschlossen einen Etagenknopf.

     „Achte Tiefetage? Was willst du denn da?“

     „H.P. besuchen. Das bringt Spaß. Wirst sehen.“

     Der Expresslift fiel die Stockwerke hinunter durch den langen Innenhof, tauchte dann in den Bauch der Hybrothek ein. In den neun Tiefetagen waren die Magazine untergebracht.

     Der Lift hielt an. Die achte Etage war zweigeteilt. Die eine Hälfte nahmen Magazinregale mit Tausenden von Büchern ein. Die andere war durch einen deckenhohen Gitterzaun abgetrennt. Darin saß H.P. mit dem Rücken zu ihnen an einem Rechner. Denn dies war das Herz­stück der virtuellen Bibliothek: 32 turmhohe Server-Rech­ner bildeten das Rückgrad der informationstechnischen Infrastruktur. Hier lagerten die Informationen in den Datenbanken. Jenseits des Sicherheitszaunes lagerten die Daten in den Büchern. Realer und virtueller Teil der Bibliothek auf einem Stock­werk vereint. Besser konnte man den hybriden Gedanken nicht veranschaulichen.

     Jake schlich sich an. Zog blitzschnell die Gittertür zu.

     „Ha! Jetzt sitzt du in der Falle!“

     H.P. fuhr herum, kam zum Gitterzaun.

     „Meinst du? Mach sofort die Tür wieder auf!“

     „Sei nicht so! Wir haben dir auch was mitgebracht. Kris, gib sie mir!“

     „Was?“

     „Na die Banane!“

     Jake hielt sie durch das Gitter.

     „Hier! Fass! Fass, du Bestie! Hier ist schließlich kein Schild: Füttern verboten!“

     H.P. stemmte die Hände in die Hüften, zog die linke Augenbraue in die Höhe.

     „Pah! Es ist eine Sache des Standpunktes. Beobachtet der Mensch den Affen im Zoo, oder studiert der Affe den Menschen? Wer ist der Gefangene? Wer der Freie? Kann man nicht in Freiheit leben und trotzdem Gefangener seiner Umwelt sein? Und kann man in einem Zoogehege eingesperrt sein und nichtsdestotrotz im Geiste das freieste Wesen sein?“

     Kris nahm Jake die Banane ab und warf sie über den Zaun. H.P. fing sie mühelos auf.

     „Gute Gedanken brauchen Nahrung.“

     „Ganz deiner Meinung“, entgegnete der Netzwerkadministrator und biß in die Banane. Er machte sich nicht die Mühe, vorher die Schale zu entfernen.

     Kris fuhr fort:

     „Man kommt wahrscheinlich automatisch auf philosophische Gedanken, wenn man so oft und so lange hier unten alleine ist.“

     H.P. schüttelte den Kopf.

     „Das ja, aber ich bin nicht alleine. Ich bin mit der ganzen Welt verbunden. Online und nur einen Mausklick entfernt. Alleine? Ich bin von Wesen umgeben. Was ist schon groß der Unterschied zwischen einem Rechnern und einem Menschen? Beide verhalten sich meistens vernünftig, zuweilen aber übellaunig. Ein Rechner wird eine Zeit lang geleased, dann ist er veraltet und muss ausgetauscht werden. Ist das anders bei Menschen? Die Leasingzeit geht maximal bis zur Rente. Wenn vorher nicht die Hardware schlapp macht. Ein Schlaganfall, und der Prozessor im Kopf wird lahm gelegt. Dann muss die ganze geleasete Komponente komplett ausge­tauscht werden. Der Rechner landet auf der Mülldeponie, der Mensch auf dem Fried­hof. So einfach ist das.“

     Jake schürzte die Lippen.

     „Kein Unterschied zwischen Mensch und Maschine?“

     „Ah, vielleicht doch: Der Mensch zählt ein-zwo-drei. Der Rech­ner zählt null-eins-zwo-drei.“

     Kris aß den letzten Bissen ihrer Banane.

     „Und als was siehst du dich?“

     „Als PC-Söldner. Meine Heimat ist da, wo mein Rechner steht. Auch ich bin nur eine geleaste Ressource, die seine Dienstleistung gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Wenig Unterschied zu einem der Hewlett-Packard-Server hinter mir. Steht H.P. nicht vielleicht auch für Hewlett-Packard?“

     Jake zog Kris zum Lift.

     „H.P., du solltest mal wieder ans Sonnenlicht...“

     „Ihr nehmt mich nicht ernst! Ich halte hier unten die Maschinen am Laufen. Ihr da oben benutzt sie nur. Ihr könnt euch keine Vorstellung davon machen, wie stressig das ist! Kennt ihr einen Netzwerkadministrator, der älter als vierzig, fünfundvierzig Jahre ist? Kennt ihr einen einzigen? Nein! Weil sie alle einen Herzinfarkt bekommen und ausgetauscht werden müssen!“

     „Du übertreibst maßlos wie immer. Aber genieße deine letzten Jahre trotzdem...“

     Und als der Lift anruckte, sagte Kris lächelnd:

     „Gute Idee, die achte Etage. Muss ich mir merken.“

[...]

H.-W. Klemm

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